Trauerkerze
  In Gedanken ein stiller Gruß für Dich von Herzen. 
  Ein Licht für kleine Engel. 

Valerie* hat im vierten Schwangerschaftsmonat ihr Baby verloren. Fast ein Jahr später habe ich mich nun mit ihr getroffen, um mir ihre Geschichte anzuhören. Sie redet sehr offen über ein Thema, das eigentlich fast nie angesprochen wird, über ihre eigene Erfahrung und darüber, welche gutgemeinten Trostfloskeln man in so einer Situation gar nicht hören will.  

„Fehlgeburten sind nicht, wie Sex oder Tod, gesellschaftliche Tabuthemen. Nein, es ist einfach überhaupt kein Thema. Bis zu meiner eigenen habe ich auch nie wirklich darüber nachgedacht. “ – Valerie ist heute 20 Jahre alt, vor circa einem Jahr wurde ihr Baby tot geboren.

„Die schlimmste Woche meines Lebens“

„Ich war 19, habe gerade mein Studium begonnen und war da gerade mal drei Monate mit meinem damaligen Freund zusammen. Um es kurz zu fassen: Wir hatten eine Verhütungspanne, die Pille danach hat nicht gewirkt, und ich bin schwanger geworden. So etwas kann jedem passieren. Natürlich haben wir es nicht geplant, wer in unserem Alter plant schon sowas.“ – Valerie spricht ruhig und gefasst, fast schon mit einem Lächeln im Gesicht. „ Auf die Nachricht über die Schwangerschaft folgten dann die typischen Emotionen, die glaube ich jeder in dieser Situation hat, wenn man ungewollt schwanger wird. Ich war wütend, traurig, überrascht, glücklich und alles auf einmal. Das war, glaube ich, die schlimmste Woche meines Lebens. In der Früh dachte ich mir, dass ich das Kind ganz sicher abtreiben werde, zu Mittag war ich mir dann sicher, dass ich es behalten will. Und so ging das die ganze Zeit weiter. In dieser Woche hatte ich dann auch Prüfungswoche, ich bin einfach nur zu den Prüfungen gegangen und habe irgendwas angekreuzt, es hat mich null interessiert, ich war mit den Gedanken ganz woanders. Ob man jetzt einen Punkt mehr oder weniger auf die Prüfung hat, waren für mich an diesen Tagen so paradoxe Luxusprobleme. Jetzt, ein Jahr später, habe ich diese Luxusprobleme wieder, und bin froh darüber. Aber damals hatte ich so viel anderes im Kopf.“

Sie hatte schon den Termin für die Abtreibung. Hingegangen ist sie nicht.

Valerie und ihr Freund haben sehr lange überlegt, was sie machen sollen. „Meine Eltern haben gleich gemeint, dass sie mich unterstützen werden, egal wie ich mich entscheide. Darüber bin ich heute noch extrem froh, weil ich weiß, dass es sehr vielen wahrscheinlich nicht so geht. Irgendwann habe ich mir dann gedacht: Okay, du bist 19, wohnst bei den Eltern, du bist erst so kurz mit deinem Freund zusammen, ihr habt gar keine Grundlage, du kannst jetzt kein Baby kriegen. Ich konnte mich nicht entscheiden, aber eine Abtreibung ist nur eine einzige Entscheidung, und dann ist es vorbei. Wenn man das Kind behält, folgen dann Millionen von Entscheidungen darauf. Und diese Millionen von Entscheidungen wollte ich nicht treffen.“ Valerie hatte schon einen Termin für eine Abtreibung. Hingegangen ist sie nicht. „Ich kann dir bis heute nicht sagen, was es war, aber irgendwas hat Klick gemacht, und ich wusste, dass ich dieses Kind bekommen will.“  Ab da hat ihr Leben eine 180-Grad-Wendung gemacht. „Plötzlich hatte ich so viele Gedanken, auf die ich davor nie gekommen wäre. Mein Freund und ich haben beschlossen, zusammenzuziehen, wir haben begonnen, das Kinderzimmer einzurichten, Namen auszusuchen - ich weiß, es war noch total früh, aber irgendwie wurde das zu meinem Lebensinhalt. Ich habe mir Gedanken über so bescheuerte Sachen gemacht wie: Wird mein Kind in der Schule Freunde finden? Oder wird es Freunde finden, die ich nicht mag? Will und soll ich den Vater meines Kindes überhaupt heiraten? Werde ich meinem Kind erlauben, viel am Computer zu spielen? Ich weiß, das klingt jetzt total blöd für dich.“

Morgenübelkeit gibt’s nur in Filmen

Blöd klingt es nicht, versichere ich ihr. Nur hatte ich eben noch nie solche Gedanken, weil ich nicht musste. Sie schon. Doch auch diese Überlegungen waren harmlos im Vergleich zu dem, was noch kommen sollte. „Ich war im Krankenhaus, weil mir die ganze Zeit übel war. Und zwar nicht so eine Morgenübelkeit wie in den Filmen, sondern ich war einfach den ganzen langen Tag am Kotzen. Deshalb musste ich Infusionen bekommen, es wurde auch ein Ultraschall gemacht. Und da habe ich erfahren, dass die Ärzte keinen Herzschlag mehr finden konnten. Und dann war schlagartig alles vorbei. Ich habe es zuerst nicht realisiert, was passiert ist. Gerade noch habe ich darüber nachgedacht, was ich morgen beim Ikea besorgen muss, und wer der Taufpate meines Kindes wird, und dann waren diese Gedanken auf einmal, naja, überflüssig. Die ganzen vielen Fragen, die ich mir davor gestellt hatte, waren nicht mehr da. Jetzt war nur noch die Frage, ob ich warten will, bis der Körper den Fötus abstößt, oder ob ich eine Ausschabungs-OP haben will. Ich habe mich für Zweiteres entschieden. “

Das „Wir“-Bewusstsein ist weg

Das, was Valerie am schwierigsten gefallen ist, war das Gefühl, dass ihr jetzt etwas fehlt. „ Ich weiß, es ist irgendwie so seltsam, man liebt jemanden, den man noch nie kennengelernt hat. Das kann ich nicht so gut beschreiben. Aber ich hatte, sobald ich mich für das Baby entschieden habe, dieses „Wir“-Bewusstsein, weißt du. Es war ich und das Baby. Wenn ich zum Beispiel Obst gegessen habe, habe ich mir gedacht „Okay, ich tue uns etwas Gutes.“ So ganz banale Dinge halt, ich weiß, das klingt vielleicht absurd. Aber es geht mir darum, dass es für mich nicht mehr nur mich gab, sondern mich und das Baby im Doppelpack. Und dieses „Wir“-Gefühl war dann auf einmal nicht mehr da. Als ich noch im Spital war, wollte ich den toten Fötus sehen. Das haben mir die Ärzte erst nach langem Zögern gewährt, es scheint also nicht die Norm zu sein. Das hat mich schon ziemlich gewundert. Das unterstreicht, finde ich, auch dieses krampfhafte Verdrängen dieses Themas. Er wurde mir dann aber doch gebracht, mit einem Licht und einer Blume neben ihm. Der kleine Körper bestand nicht mehr aus einem ganzen Teil, die Folge der Ausschabungs-Operation. Aber das war trotzdem ein sehr wichtiger Moment für mich.“ Die nächsten Wochen lebt Valerie in einer Art Trance, geht nicht mehr zur Uni oder kaum mehr raus, es macht irgendwie nichts mehr Spaß oder Sinn. Es ist Ende März.

Es ist jetzt nichts mehr so, wie davor.

Im Mai gibt es dann eine kleine Trauerfeier, bei der auf einem Friedhof am Stadtrand von Wien mehrere totgeborene Kinder bestattet werden. Das ist für Valerie ein einschneidender Moment. „Nicht, um damit abzuschließen, weil das werde ich nie. Aber ich habe jetzt einen Ort, an den ich gehen kann, und weiß, dass da mein Kind liegt. Wobei „Kind“ vielleicht zu viel gesagt ist, aber ein Wesen, das ich sehr geliebt habe.“ Sie schätzt sehr, dass es dieses kleine Grab gibt, weil sie weiß, dass viele nicht-gewordene Mütter so eine Möglichkeit nicht bekommen haben. Ende Mai trennt sich Valerie auch von ihrem Freund. Sie beginnt wieder, zur Uni zu gehen, Freunde zu treffen, normal weiterzumachen. „Mein Leben hat sich innerhalb weniger Monate um 180 Grad gedreht, und dann noch mal um 180 Grad – aber trotzdem ist jetzt nichts mehr wie es vorher war, auch wenn es nach außen hin so scheint“, sagt die junge Frau nachdenklich. Ob sie jetzt glücklich ist, will ich wissen. „Ja, schon. Jetzt ist ja alles eigentlich wieder normal.“ Was sie aber sehr lange beschäftigt hat, waren die Reaktionen aus ihrem Umfeld auf ihre Fehlgeburt.

„Ich stehe es durch, weil ich es durchstehen muss“

„Es hat natürlich allen sehr leid getan, viele wussten nicht, wie sie damit umgehen sollen. Das ist ja auch vollkommen verständlich. So etwas passiert ja auch nicht alle Tage, vor allem nicht in meinem Alter. Ich weiß, ich bin jetzt nicht irgendwie krass jung, es gibt schon Leute, die in dem Alter absichtlich Kinder kriegen, aber in dem wohlbehüteten Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, wird man mit 19 einfach nicht schwanger, das ist halt so. Dazu kommt noch, dass das Thema Tod alleine schon schwierig ist, der Tod eines Ungeborenen noch viel schwieriger. Dabei kommt das viel öfter vor, als man glaubt. Wusstest du, dass 10-20 Prozent aller Schwangerschaften in einer Fehlgeburt enden?“, fragt sie mich. Nein, das wusste ich nicht, bis ich einen Tag vor unserem Treffen zu diesem Thema recherchiert habe. „Die Chance, dass man jemanden kennt, der so etwas durchgemacht hat, ist also ziemlich groß. Aber du gehst ja auch nicht zu jemandem hin, und fragst ihn, ob er eine Fehlgeburt hatte. Deshalb ist es auch so wichtig für mich, dass man mehr über dieses Thema spricht. Es kamen dann eben Leute zu mir, die meinten „Es hätte einfach nicht sein sollen.“, „Du hast es wahrscheinlich nicht genug gewollt, es war ja nicht geplant“, oder „Du kannst ja noch andere Kinder kriegen.“- Sicher kann ich das. Aber inwiefern soll das Trost spenden? Das Schlimmste waren aber die Menschen, die dann gemeint haben „Du machst das toll, wie du das Ganze durchstehst.“- ganz ehrlich, was habe ich denn für eine Wahl? Wie soll ich das „nicht toll“ durchstehen? Ich stehe es auch nicht toll durch, ich stehe es durch, weil ich muss.“

Das ist ein Teil des Lebens, also lasst uns auch darüber sprechen.

Die gutgemeinten Trostsprüche hat sie als sehr nervig empfunden, obwohl sie wusste, dass es die Leute nicht böse meinen. „Aber das Ärgste für mich war, als mich nach einer gewissen Zeit plötzlich keiner mehr darauf angesprochen hat. Viele Freunde meinten dann, sie wollen mich nicht darauf ansprechen, um mich nicht wieder daran zu erinnern. Als ob ich das vergessen hätte. Ich denke jetzt nicht jede Minute meines Lebens daran, aber es ist natürlich noch da, und das wird es auch immer sein. Ich denke darüber nach, wie es wäre, wenn es auf die Welt gekommen wäre. Wie alt es jetzt wäre, was für eine Persönlichkeit es hätte. Das ist schon schwer genug. Viele Menschen blicken auch einfach bestürzt zu Boden, wenn sie es erfahren. Dabei ist es einfach ein Teil des Lebens, so etwas passiert, und deshalb sollte es nicht mehr so ein Nicht-Thema sein. Es tut auch gut, jetzt darüber zu sprechen.“Sie würde sich wünschen, dass man einfach mehr darüber spricht, zuhört, darauf eingeht und akzeptiert, dass es viele Frauen gibt, denen das wiederfahren ist. „Ich weiß, es ist deshalb auch paradox, dass ich meinen richtigen Namen hier nicht nennen will, aber weil es eben so ein Nicht-Thema ist, tue ich mich da schwer. Jeder hat irgendeine Last, die er mit sich schleppt, und das ist eben meine. Ich bin nicht religiös, ich glaube nicht an die Kirche per se, aber ich stelle mir schon vor, dass das Baby irgendwo im Himmel herumschwebt. Jemand hat mir mal gesagt, dass es im Islam die Vorstellung gibt, dass Sternenkinder (Anm. so nennt man totgeborene Kinder) im Himmel für ihre Eltern beten. Das ist, finde ich, ein schöner Gedanke.“

 

*Name von der Redaktion geändert.

 

Quelle: dasbiber.at

Sernenkinder.info  Ein kleiner Engel kam, lächelte und kehrte um...

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