Trauerkerze
  In Gedanken ein stiller Gruß für Dich von Herzen. 
  Ein Licht für kleine Engel. 

Wenn ein Baby im Bauch stirbt, reagiert jede Frau auf ihre ganz eigene Art: ELTERN-Autorin Kerstin Güntzel, Mutter zweier Töchter, verlor drei Babys in der Schwangerschaft. Hier beschreibt sie, wie ihr vor allem eine Art Galgenhumor half, ihre Fehlgeburten zu überwinden. Und loszulassen.


© Thinkstock - Ben Kayam

 

Das achte Weltwunder erlebte ich in den Jahren 2008 und 2009. Jedenfalls beinahe. Denn damals war ich fast zwei Jahre lang schwanger. In dieser turbulenten Zeit schwankte meine Laune zwischen dem Phlegma eines Faultiers und der Reizbarkeit einer hungrigen Hyäne. Die meisten Schwangeren kennen diese Wellen. Doch bei mir war es extremer. Denn immer wenn ich gerade begonnen hatte, mich mit meinem neuen Zustand anzufreunden, war er schon wieder vorbei. Und ich befand mich mittendrin in der Statistik, die besagt, dass drei Viertel aller Fehlgeburten im ersten Schwangerschaftstrimester eintreten: Dabei gehen Hormone und Stoffwechsel zurück auf Start. Und auch das Seelenleben versucht einen Neuanfang - was aber mit jeder glücklosen Schwangerschaftschwerer wird. Doch von vorn:Mein erstes Sternenkind heißt "Botón" 2004 wurde ich 29. Mein Mann und ich fanden, das sei ein gutes Alter, um eine Familie zu gründen.Doch aus unerfindlichen Gründen bildete ich mir ein, nicht schwanger werden zu können. Und wie das mit den schlimmsten Befürchtungen so ist: Meist treten sie nicht ein! Stattdessen wurde ich sofort schwanger - frei nach dem jiddischen Sprichwort: "Mensch plant, Gott lacht." Doch dann, noch bevor ich so richtig hin und weg sein konnte angesichts meiner großen Fruchtbarkeit, verabschiedete sich der Nachwuchs im dritten Monat schon wieder. Botón, Knopf, heißt dieses Kind nun in meiner Erinnerung. Warum?Damals lebte ich in Barcelona. In der Notaufnahme des hypermodernen Klinikums fertigte mich eine gar nicht so hypermoderne russische Arztmatrone in holprigem Spanisch ab: "Ich sehe noch einen ,Botón', aber der wird wohl in den nächsten Tagen abgehen." Psychologisch einfühlsam war diese Dame nicht. Aber damals konnte ich damit leben.

Eigentlich wollte ich auch nicht auf dem Sofa liegen und abwarten. Ich wollte so tun, als sei nichts gewesen. Und so ging ich bei diesem ersten Mal bald zur Tagesordnung über!Das zweite Kind: ein Nordlicht Wenige Monate später war ich wieder schwanger.Doch auch dieses Mal wuchs unser Kind nicht einfach vor sich hin, wie es andere Babys im Bauch ihrer Mütter tun: Ich reiste im vierten Monat quer durch Norwegen, als ich zu bluten anfing. Nein, bitte, nicht schon wieder! Nicht jetzt! Nicht hier! Was sollte ich tun? Wo gibt's am Fjord zwischen nichts und niemand das nächste Krankenhaus? Ich rief meine Frauenärztin an, die mich beruhigte: Manchmal würden Mini-Äderchen platzen, sagte sie. Das sei harmlos. Ich hoffte also auf "manchmal" - und hatte Glück. Die Blutung hörte auf. Das Baby blieb. Und wuchs. Und wurde geboren. Gesund! Im November 2005. An Fehlgeburten dachte ich jahrelang nicht mehr.Der erneute Verlust lehrt mich Demut. Doch dann, im Herbst 2008, planten wir Nummer zwei - und ich hatte ein Déjà-vu: wieder sofort schwanger, wieder leichte Blutungen in der elften Woche - gerade als ich meine erste Tochter die Treppe hochtrug. Fast reflexhaft bekam ich Schuldgefühle: Hätte ich das bloß gelassen. Gleichzeitig hoffte ich, dass alles wieder gut würde, so wie in Norwegen. Doch die Gynäkologin schüttelte den Kopf. In dieser Nacht weinte ich mich in den Schlaf. Mann und Eltern trösteten: "Du kannst noch viele Kinder bekommen." Die Ärztin erklärte: "Fast jede zweite Schwangerschaft endet in den ersten drei Monaten. Häufig unbemerkt." Und mich versöhnte der Gedanke, dass ich ja schon ein klasse Kind habe. Auch die Tatsache, dass die Fehlgeburt früh passierte, und mein Gefühl, das Baby in meinem Bauch noch nicht richtig gekannt zu haben, halfen. Mir jedenfalls.Denn, ja, ich weiß es: Viele Frauen können mit all diesen Sätzen nichts anfangen. Empfinden sie als Zumutung. Wollen sie nicht hören. Damals begriff ich auch: Jede geht ihren eigenen Weg der Bewältigung.Ich schaffte es, nach dieser zweiten Fehlgeburt irgendwie gefasst zu bleiben - nicht so locker wie beim ersten Mal. Aber da war eine Demut in mir:

Es gibt Dinge, die passieren, du kannst sie nicht beeinflussen. Diese Haltung war erstaunlich - auch für mein Umfeld. Denn eigentlich habe ich einen Hang zum Drama!Mit Nummer vier kommt die Wut März 2009: Blut! Dunkel und geronnen! Ich starrte auf den Fleck. Mittlerweile wusste ich zu gut, was mir drohte. Ich war in der siebten Woche. Zwei Frauenarzttermine später wusste ich, dass es wieder passiert war:Das Herz meines Babys schlug nicht mehr!Bei diesem dritten Mal, zweimal so kurz hintereinander, überfiel mich tiefe Hoffnungslosigkeit.Und Trauer. Ich fragte mich: Soll es für uns bei einem Kind bleiben? Muss ich noch öfter dieses Himmelhoch-jauchzendund- zu-Tode-betrübt durchleben? Will ich das? Mein Mut verließ mich. Auch wollte ich nicht noch einmal diese drei unangenehmen ersten Monate durchstehen: müde, gereizt und immer kurz vorm Spucken.

Ich war aggressiv, wütend auf Gott und die Welt. Und auf meinen Körper, der mich im Stich ließ. Ich fand es einfach nur ungerecht. Und drohte meinem Mann, der mir bei jeder Fehlgeburt so gut beigestanden hatte, wie es Männer eben können: "Nie wieder will ich schwanger werden. Ein Kind reicht." Blöd nur, dass mein Mann das nicht als Drohung empfand, sondern einfach nur nickte: "Ja." Nein! Das wollte ich nun auch nicht hören.Und als die Wut und die Traurigkeit hinter mir lagen, kam der Widerstandsgeist: "Du musst weitermachen", sagte ich mir, "aufgeben ist verboten." Schließlich hatte eine Freundin zwischen dem ersten und zweiten Kind acht Fehlgeburten. Was waren da drei Abschiede?In den Phasen des Verlustes machte ich unbewusst eines richtig: Ich textete Freunde und Familie zu, redete mir die Fehlgeburten von der Seele. Und erkannte erstaunt, dass ich bei Weitem nicht allein bin. Freundinnen, Bekannte und Nachbarinnen öffneten sich durch meine Offenheit und erzählten von ähnlichen Erfahrungen. Das half. Sehr!Heilsam war auch eine tolle Frauenärztin, die mich aufklärte, dass man bis zur elften Woche nicht unbedingt ausschaben müsse, wenn es keine Komplikationen gäbe. Ohne diesen Eingriff würden Frauen die Fehlgeburt meist besser verarbeiten. Sie verschrieb Kräutertees und Globuli und untersuchte mich sehr oft. So hatte ich das Gefühl: Alles läuft natürlich ab. Und fast ohne Schmerzen.Nummer fünf empfange ich verzagt Und irgendwann war ich wieder schwanger: zum fünften Mal in fünf Jahren. Ich spürte, dass ich mich am Anfang nicht traute, mich auf das Kind einzulassen.

Ich wahrte Distanz, verbot mir die ganz innigen Fantasien, die allzu große Freude - um nicht zu sehr verletzt zu werden. Und erst als ich die ersten drei Monate überstanden hatte, bröckelte mein Schutzwall. Zaghaft zunächst und dann immer mehr. Denn Nummer fünf wollte bei uns bleiben!Nun ist unsere Familienplanung im Prinzip abgeschlossen. Kürzlich jedoch scherzten mein Mann und ich, dass man ja auch ungewollt schwanger werden könnte.Ich antwortete: "Davor müssen wir keine Angst haben, denn die Babys bleiben ja beim ersten Mal sowieso nicht bei uns."Er orakelte zurück: "In diesem Fall dann aber bestimmt." Gut, dass wir den gleichen Humor haben.Und nach all dem Auf und Ab auch zwei gemeinsame Kinder. Oder eigentlich fünf.

Quelle: eltern.de

Sernenkinder.info  Ein kleiner Engel kam, lächelte und kehrte um...

Newsletter

Wird nur bei Änderungen sowie neuen Informationen verschickt.

Info: Der Newsletter kann jederzeit abbestellt werden.

Kontaktieren Sie uns

 Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
feedback