Trauerkerze
  In Gedanken ein stiller Gruß für Dich von Herzen. 
  Ein Licht für kleine Engel. 

 

Ein Junge stirbt kurz vor Weihnachten noch im Bauch seiner schwangeren Mutter. Diese kämpft nun mit der Leere, die ihr kleiner Julius hinterlassen hat.

Eine Mutter trauert auch ein Jahr später noch um ihren Sohn, der in ihrem Bauch gestorben ist. In einer Selbsthilfegruppe finden sie und ihr Mann Kraft - und Mut für die Zukunft.

 


Foto: Manuel Stark

 

von MANUEL STARK

Der Tod hatte sich unter den Weihnachtsbaum geschlichen. Symbolisch. Susanne Müllers* Schwester hatte das Symbol voller Freude mitgebracht. Es war ein Kindersitz, Marke Britax-Römer, grüner Stoff, Tragegewicht bis 13 Kilo. Daran eine Karte aus rotem Papier, in Gold beschrieben: "Beim nächsten Weihnachten sind wir schon einer mehr! Wir freuen uns auf deinen kleinen Julius." Aber da ist keine Freude mehr, kein Julius, nur noch Dunkelheit.

Heute, ein Jahr später, sitzt Susanne Müller wieder in ihrem Wohnzimmer, wieder glühen die elektronischen Kerzen am Christbaum. Noch immer ist da kein Julius, ihr Sohn hat Weihnachten nie erlebt. Der 17. Dezember 2016 ist sein erster Todestag. "Meine Schwester hat es nicht gewusst, ich habe es niemandem gesagt", erzählt Susanne Müller. "Sechs Monate lang durfte ich eine Mutter sein. Ich glaube, ich wollte es einfach einige Tage länger bleiben."
Julius starb noch während der Schwangerschaft. Durch einen Kaiserschnitt kam er um 17.34 Uhr zur Welt, er wog 462 Gramm. "Er war ein bildhübscher Junge", sagt Susanne Müller, "aber so still". Sie weint. Die Stille nach Ju-lius' Geburt schreit noch heute in ihrer Erinnerung.
Mehr als 2000 Kinder werden in Deutschland Jahr für Jahr tot geboren, meist wiegen sie weniger als 500 Gramm. Es sind "Sternenkinder", wie Julius. Susanne Müller hasste den Begriff, als sie ihn das erste Mal hörte. Stern, das war für sie ein Symbol, mit dem man Kindern erklärt, warum der Opa nicht mehr da ist. Stern, das war nichts für jemanden wie sie, eine Frau Mitte 30, mit Abitur, Uni-Abschluss; eine Frau, die ihr Kind verloren hatte. Stern, das bedeutet Ferne, Unerreichbarkeit, eine Sehnsucht, die nie erfüllt werden wird.
Susanne Müller wollte sich nicht sehnen, sie wollte vergessen. "Ich war so dumm", sagt sie heute. "Ich habe nur etwas gebraucht, worauf ich meine Wut richten kann."
Die Wut war schön damals, sie verlieh Kraft und befreite vom Schmerz, die Wut war das Irrlicht in der Dunkelheit. Sie durfte niemals enden, niemals aufhören, niemals verblassen, denn sollte sie erlöschen, würde Susanne Müller stürzen und fallen. Dann würde es sich wie ein Raubtier auf sie stürzen, sie zerfleischen, vernichten - das Gefühl der Leere.
Es war da in jedem Kinderlachen, jedem Spielplatz am Straßenrand. Wie ein Parasit fraß es ein Loch in die Brust, dorthin, wo doch eigentlich ihr Herz schlagen sollte. Das Herz einer Mutter.
"Es war schrecklich", sagt Susanne Müller heute und wischt sich mit der rechten Hand die Tränen aus dem Gesicht.
Hilfe? Die habe sie am Anfang nicht gewollt. Jeder sei nur ein Feind gewesen, der sie nicht verstehen wollte, ja, gar nicht verstehen könnte. "Selbst meinen eigenen Mann habe ich einmal aus dem Haus geworfen. Er sagte, er wäre gerne Vater geworden, dabei war er es doch. Nur weil unser Kind nicht in dieser Welt gelebt hat, ist es doch trotzdem unser Kind. Fast sechs Monate habe ich Julius in mir getragen und er tat so, als hätte es ihn nie gegeben. Das war zu viel."
Susanne Müller steht von ihrem Wohnzimmerstuhl auf und entschuldigt sich, bittet um fünf Minuten Pause, Zeit für sich. Nach einer halben Stunde kehrt sie ins Zimmer zurück. Sie hält ein weißes Blatt Papier in ihrer Hand, das sie auf den Tisch legt. In der rechten oberen Ecke, wo Daumen und Zeigefinger es zitternd gefangen hielten, wirft es kleine Wellen über schwarze Buchstaben. Julius, steht da.
Aus der Mitte des Blattes lächelt das Gesicht eines Neugeborenen, gemalt mit schwarzem Kohlestift. "Das hat mein Mann mir zwei Tage später geschenkt. Um mir zu zeigen, dass unser Sohn auch ihm fehlt und ich nicht alleine bin", erzählt sie. "Das war der Moment, in dem ich begriffen habe, dass ich etwas ändern muss."
Während der Tage nach dem Geschenk redet sie viel mit ihrem Mann, spricht mit ihm über die Wut, aber auch die Leere. Darüber wie es sie zerfrisst und sie nicht mehr weiß, ob sie weitermachen kann, nicht einmal weiß, ob sie überhaupt weitermachen will. Gemeinsam besuchen sie zuerst eine Paar-Therapie der Caritas. Schon nach der ersten Sitzung wird ihnen eine Selbsthilfegruppe in der Region empfohlen. Susanne Müller ist dagegen, ihr Mann dafür - der nächste Streit bricht aus.
Die Mutter hat Angst, anderen Mitgliedern einer Selbsthilfegruppe auf der Straße, im Supermarkt oder irgendwo anders im Alltag zu begegnen und dadurch ständig an den eigenen Verlust erinnert zu werden. Sie möchte ihre Gefühle vor der Außenwelt verschließen. Der Vater fühlt sich überfordert mit der Doppelrolle, seine Frau stützen und seinen eigenen Verlust alleine verarbeiten zu müssen. Er möchte sich öffnen, anderen Menschen begegnen, seine Gefühle teilen.

 

Nach drei weiteren Wochen und vier Therapiestunden einigen sie sich auf einen Kompromiss: Selbsthilfegruppe ja, aber nicht in der Region. Eine Stunde Autofahrt zur Sitzung, dafür kaum Risiko, andere Teilnehmer außerhalb der Gruppenstunden zu sehen. "Es war die beste Entscheidung, die wir treffen konnten und ich bin meinem Mann noch heute dankbar dafür, dass er so beharrlich und auch so geduldig mit mir war", sagt Susanne Müller. Sie lächelt, zum ersten Mal an diesem Abend. Es sei gut gewesen zu reden, aber auch zuzuhören, Menschen zu sehen, die trotz allem noch immer weitermachen, die keine Wut mehr brauchen, um die Leere zu füllen. "Daran konnte ich mir ein Vorbild nehmen."
Noch immer besuchen Susanne Müller und ihr Mann die Selbsthilfegruppe. Wo, das wollen beide nicht in der Zeitung lesen. Trotzdem: Eine solche Gruppe sei ein Geschenk und daher sei es "sehr schade", dass es bei all der guten Versorgung noch nicht überall eine solche Gruppe gibt.
Was es mancherorts, etwa in Bamberg, gibt, ist eine Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern, doch das ist nach Meinung der beiden etwas völlig anderes. Es gehe nicht darum, was mehr oder weniger Schmerz verursacht. Ob das eigene Kind beispielsweise bei einem Unfall stirbt, nachdem man es 16 Jahre oder mehr durchs Leben begleiten durfte, oder ob es schon ohne Puls zur Welt kommt und einem die Möglichkeit genommen wird, den Sohn oder die Tochter überhaupt kennenzulernen. "Wer sind wir denn, über den Schmerz anderer Menschen zu urteilen?", fragt Susanne Müller. "Das können wir nicht. Aber es ist eben ein anderer Schmerz, eine andere Erfahrung. Beides ist schlimm, aber nicht Dasselbe."
Trotz der Therapiestunden, trotz der Hilfe durch die Gruppe: Die Mutter spürt noch immer die Leere in ihrem Herzen. Diese Leere hat aufgehört, weiter an ihr zu fressen und zu wachsen, stattdessen hat sie sich beharrlich festgebissen. Stagnation als neue Angst. "Aber wir werden das schaffen", sagt Susanne Müller, "Julius gibt uns die Kraft dazu. Egal wie kurz er auf dieser Welt war, er wird für immer ein Teil von uns sein. Wir dürfen ihn nur nicht vergessen." Dann senkt sie den Blick auf das Gemälde, das noch immer vor ihr auf dem Tisch liegt. Mit dem rechten Zeigefinger beginnt sie die Wange des Kindes zu streicheln, als wäre es ihr Julius und nicht nur ein Strich Kohlestift auf Papier.
Schon Tage vor Heiligabend hat Susanne Müller heuer ein Geschenk unter den Christbaum gelegt. Eine Papierrolle mit orange-farbener Schleife da-rum. Es ist eine Zeichnung, die diesmal sie gemalt hat, für ihren Mann. In die obere rechte Ecke des Papiers hat sie einen Namen geschrieben: Julia. Errechneter Geburtstermin: Mai 2017.

(*Name auf Wunsch der Betroffenen geändert)

Quelle: infranken

Sernenkinder.info  Ein kleiner Engel kam, lächelte und kehrte um...

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